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Das Bildungssystem Bologna und die Freiheit der Lehre

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Die Idee „Bologna“ hat wohl ihr ureigenstes Ziel verfehlt. Die Freiheit der Bildung ist vielleicht gefährdeter denn je. Bologna steht heute für eine gänzlich verschulte Ausbildung und oft ohne akademische Tiefe. Kritiker verstehen heute den Bachelor als zertifizierten Studienabbruch.

Es stellt sich die Frage warum sich die Stadt Bologna nicht schon lange gegen diese Verwendung ihres Namens wehrt, welche immer negativere Züge annimmt?

Man will heute in diesem System keine kritischen Professor*innen oder Dozent*innen mehr. Man(n)Frau Student*in will den (Abschluss)Schein. Man(n)Frau Student*in will in diesem System eher früher als später die Ausbildungsstätte hinter sich lassen und dies ohne große Probleme. Die Professor*innen sollen hierbei mitspielen. Sie sollen kein Wissen vermitteln, sondern Informationen liefern wie man zum Schein kommt.

Kathleen Stock, von den Studierenden und Chatgruppen ihrer Universität auch „die Hexe“ genannt, ist in diesem Reigen kein Einzelfall. Stock wurde, für ihre Meinung, an ihrer Universität regelrecht eine Hexenverfolgung ausgesetzt. Auch der Versuch wieder an ihren Arbeitsplatz, nach einer Auszeit, zurückzukehren scheiterte. Überall verfolgte man sie. Schlussendlich hielt sie dem Druck nicht mehr aus und kapitulierte.

Viele Kollegen und Kolleginnen schweigen aber lieber als sich öffentlich zu äußern. Seine eigene Meinung zu äußern kann karrierefeindlich sein und fatal enden. Durch die neuen, digitalen Medien haben sich diese Prozesse, welche natürlich auch früher schon bestanden, verschärft und sind öffentlicher geworden.

Sehr gerne werden unliebsame Dozent*innen, Lektor*innen und Professor*innen durch diese Vorgänge diffamiert und ausgesondert. Allein früher waren die Methoden vielleicht etwas subtiler, aber die Betroffenen unter ähnlichem Druck.

Kolleg*innen, welche etwa preisgekrönte Film-Dokumentationen von Amnesty International gegen die Todessstrafe bei psychischen Erkrankungen zeigten, konfrontierte man gleich damit, ob man damit etwa die Student*innen terrorisieren wolle. Von der verbrieften Freiheit der Lehre keine Spur mehr. Die Anzahl dieser absurden und peinlichen Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen.

Schnell werden an den Universitäten virtuelle und nicht reale Diskussionen aus dem Zylinder gezaubert, um Dozent*innen und Professor*innen unter Druck zu setzen. Schlimmer noch: über die neuen digitalen Medien breiten sich (Fake)News noch schneller aus als früher. Die betroffenen Personen können gar nichts dagegen tun. Die Karriere gerät ins Stocken oder ist gar ruiniert. Viele Feinde sind des Hasen Tod. Niemandem kann man eigentlich vertrauen. Dass es Seilschaften gibt ist ein offenes Geheimnis. Oft herrscht zudem an den Instituten ein Klima „jeder gegen jeden“, Integrationsfiguren werden in Berufungen nicht berücksichtigt. Es gilt allein der vermeintlich wichtige akademische Output. Was ist der Ausweg?

Unsere Gesellschaft ist im Umbruch. Die Universitäten bzw. die Verantwortlichen haben noch nicht gelernt mit diesem Problem adäquat umzugehen. Aus dem Beginn der (sicherlich gut gemeinten) Lehrevaluation wurde ein Folterinstrument für Professor*innen und Dozent*innen. Die Evaluationen werden (mitunter) ebenso manipuliert. Private Institute haben es da leichter. Sie sondern kritische Dozent*innen noch schneller aus als die Universitäten. Eine falsche Bemerkung und weg ist der/die Vortragende. Schließlich zahlen die Kursteilnehmer.

Was wollen wir? Schnelle Abschlüsse? Schnelle Studenten? Wollen wir noch Bildung? Was sind uns Humboldt und seine Ideale heute noch wert? Können sich die Bildungseinrichtungen, vor dem Hintergrund der Umwälzungen einer digitalen Gesellschaft, dies heute noch leisten? Werden wir in Zukunft Professor*innen durch Computer ersetzen? Bei den Fahreignungsprüfungen ist dies teilweise schon getan.

Die digitale Revolution ist schon dazu übergegangen auch Vorlesungen auf Knopfdruck anzubieten. Diese Vorlesungen sind wohlfeil zugeschnitten, beliebig abrufbar und ohne Kanten. Der Student kann sich diese unendlich wiederholbar ansehen. Fragen muss man ohnehin keine Stellen. Wie auch? In überfüllten Hörsälen? Einem schlecht gelaunten Dozent*innen? Einem Dozent*innen der vielleicht noch eine kritische Gegenfrage gestellt? Will man überhaupt den Austausch mit einem Professor?

Der nächste logische Schritt wird wohl die Abschaffung des Lehrpersonals sein. Vielleicht gibt es in Zukunft Institutionen, welche entsprechende Filme und Videos für bestimmte Themen den Universitäten, besser als die angestellten Dozent*innen und Professor*innen, anbieten werden. Ein umständliches korrigieren kann der Computer besorgen (wie etwa bei den Multiple Choice Tests der Medizinprüfungen).

Was man braucht ist gegebenenfalls etwas Verwaltung. Verwaltungen werden ohnehin immer aufgeblähter und beanspruchen erhebliche Ressourcen und Gelder. Die Forschung kann ausgelagert werden und man nimmt sich die Besten der Besten dafür.

Diese Entwicklung hätte aber auch viele weitere Vorteile. Institutsinterne Streitereien und Querelen würden der Vergangenheit angehören, schwieriges (Universitäts)Personal müsste man nicht länger beschäftigen oder nur in einem geringen Ausmaße. Man könnte es gegebenenfalls auch zukaufen, ohne es vor Ort bezahlen zu müssen. So würden dislozierte Professorencluster entstehen, welche verschiedene Universitäten auf einem hohen Niveau bedienen könnten. Vorbei die Streitigkeiten der Fakultät, vorbei die umständliche Administration, vorbei die langwierigen Fakultätssitzungen, vorbei die Intrigenmöglichkeiten an der Universität etc. Integrative Fakultätsfiguren sind sowieso eine Seltenheit.

Natürlich wäre das nicht gleich für alle Fakultäten möglich, aber vielleicht doch schon für einige und dies sehr bald. Bibliotheken würden rein virtuell werden und für jedermann und einfach rund um die Uhr zugänglich. Die Wartung müsste nur mehr an wenigen Orten erfolgen.

Last but not least: die Preise für Studentenwohnungen würden rapide sinken bzw. der Bedarf eines Zimmers vor Ort beinahe gänzlich wegfallen. Wohnungen für die Einheimischen werden wieder erschwinglich. Bologna und seine Negativfolgen würde der Vergangenheit anheimfallen.

 

Eine schreckliche Vision? Vielleicht lohnt es sich darüber nachzudenken.-im Guten wie im Schlechten.

 

Freiheit, holdes Wesen,

Gläubig, kühn und zart,

Hast ja lang verlesen

Dir die digitale Art.