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Alexa, was soll ich wählen?

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Algorithmen kennen unsere Vorlieben besser als wir selbst. Konsequent, sollen sie mit Alexa unsere Wahlentscheidungen treffen, in Niedersachen am 15.10., dann immer wieder.

Alexa
Alexa | © CC0/pixabay.com

Bei Volksparteien heißt es staatstragend und pflichtschuldig, dass der „Wählerwille“ umzusetzen sei. Wählerwille und „rationaler“ Wähler im Rahmen der politischen Ökonomie erscheinen in der Praxis wie ein Dummy. Mancher Sozialdemokrat wunderte sich, dass der Wahl-O-Mat vor der Bundestagswahl beim Abklopfen der 38 Thesen nicht das erwartete Ergebnis SPD, sondern die ödp und die Piraten ausspuckte. CDU-Wählern  wurde die AfD empfohlen. Das ist vor langer Zeit wohl Herrn Gauland passiert. Der Abgleich von Parteiprogrammen bildet den Näherungswert für die Parteipräferenz. Das Beispiel zeigt, wie Vorlieben auseinanderfallen können. In der deliberativen Demokratie soll nicht derjenige gewählt werden, der die Wähler vielleicht überzeugt?

Es wäre interessant, die Ergebnisse des Wahl-O-Mats, den Bürger im Bundestagswahlkampf mehr als 13 Millionen Mal befragten, mit den tatsächlichen Wahlergebnissen zu vergleichen. Alexa wohnt noch nicht in jedem Haushalt. Sie könnte repräsentativ zeigen, wie Demokratie mit Freiheit gestaltet werden kann und vermeiden, dass der beratene Hausherr irrational ist. Überzeugte Nazis, die sich nach außen hin als bürgerlich geben, dürfen auch die SPD wählen und Gewerkschafter die NPD. Das mag der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht schmecken, folgt aber demokratischen Spielregeln. Wäre es im Sinne des Repräsentationsgedankens und systemstabilisierend, wenn Wähler für die Partei stimmen, die ihren Präferenzen am ehesten entspricht? Könnte Alexa dem Wähler maschinelle Hilfe sein, um ihm neben den Vorgaben für Einkäufe zu sagen, was er wirklich denkt?

„Everybody Lies: Big Data, New Data, and What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are“, Google weiß alles über seine Nutzer und Alexa weiß, wie Sexualpraktiken, Konsumgewohnheiten und politische Vorlieben des Hausherren zu bewerten sind. Das können Netzwerklautsprecher wie Amazon Echo oder Google Home auch, die mithören, unsere Küchengespräche analysieren und abspeichern bevor sie alles mit externen Daten analysieren und bewerten. Kein Problem daraus abzuleiten, wo Menschen politisch stehen!  Algorithmen kennen uns besser als wir uns selbst. Es wäre  konsequent, die besser informierten virtuellen Assistenten für uns wählen oder eine Wahlempfehlung unterbreiten zu lassen.

IBMs Superrechner hat „Watson 2016“ fiktiv als Kandidat für die amerikanische Präsidentenwahl nominieren lassen. Mit einer computerisierten Psychoanalyse entwickelt konnte „Watson 2016“ bei dieser Gelegenheit Gedanken, Wünsche und Absichten von jedem beliebigen Individuum modellieren. Maschinell lernende Algorithmen konnten für jeden Wähler das Profil erstellen.

An einem nebligen Septembermorgen 2021, Wahltag, könnte sich Jens Spahn als CDU-Kanzlerkandidat für die Nachfolge von Angela Merkel bewerben. Ein Parteikollege fragt den smarten Lautsprecher: „Alexa, wen soll ich wählen?“ Diese antwortet: „Eine Analyse deiner Sprachbefehle und Suchanfragen zeigt, dass Du zu 79 Prozent zur SPD stehst.“
Aus Schlüsselbegriffen und Stimmanalysen (hob der Nutzer bei bestimmten Begriffen oder Personen die Stimme?) kann der Algorithmus eine Parteipräferenz ermitteln. Mit der Entscheidungshilfe könnte der Wähler aber ins Wahllokal gehen und seine Stimme für die SPD abgeben. Das Versprechen einer „elektronischen Demokratie“ ist, dass der Wählerwille besser abgebildet würde und das Votum am Ende demokratischer wäre, weil jeder die Partei wählt, die seinen Vorlieben am ehesten entspricht.

Kritiker könnten ein Modell sehen, das dem Wähler unterstellt nicht zu wissen, was er will. Deshalb diktiert der Algorithmus, wo er sein Kreuz zu machen hat. Algorithmen als Autoritäten im Dataismus handeln wie Funktionseliten in Gewerkschaften und Kirchen, die ihren Mitgliedern mit moralischem Überschuss weismachen, wo sie am besten ihr Kreuz zu machen haben – nun allerdings elektronisch.

Die Idee eines Wahlführerscheins könnte an den Nachweis politischer Fähigkeiten gekoppelt sein. Was ist in Wirklichkeit bevormundender? Verzichten Bürger und Konsumenten nicht auf ihre Autonomie, wenn sie sich von Amazons Mechanismus nach den Vorstellungen des Nobelpreisträgers für Wirtschaft zum nächsten Bücherkauf „nudgen“ lassen, so dass das vielbeschworene Ideal des freien Willens zur Fiktion wird?

Politik kennt das Bedürfnis von Klarheit und Bequemlichkeit, denn 200 Seiten Parteiprogramm werden selten vor Wahlen gelesen.  Parteien konkurrieren in der Aufmerksamkeitsökonomie mit Spiele-Apps und Serien. Virtuelle Assistenten können eine Orientierungshilfe sein für Bürger, die sich in einer Gesellschaft der vielen Möglichkeiten immer schwieriger zurechtfinden. Diejenigen, die in einer algorithmischen Wahlhilfe einen versteckten Paternalismus wittern, verkennen, dass auch der Staat durch Gebote und Verbote seine Bürger bevormundet, indem er vorgibt, zu wissen, was besser für sie ist. Ob nun der Algorithmus oder der Staat die Nanny ist, kann dahinstehen (vgl. Lobe, Adrian).

Amazon hat es anders gemacht als Apple und eine große Show eingespart. In der Firmenzentrale wurden in einer eineinhalbstündigen Präsentation neue Produkte vorgestellt. Die Veranstaltung wurde weder öffentlich angekündigt noch live übertragen –  Neuigkeit waren Modelle des Sprachassistenten Echo. Online-Händler möchten in Wohnzimmer der Welt kommen. Denn je mehr Menschen den smarten Assistenten benutzen, desto machtvoller wird die Plattform dahinter. Amazon ist mehr als Verkäufer, wenn mehr als 20.000 Programme, Skills, für  Nutzer programmiert worden sind. Mehr als 5000 Mitarbeiter von Amazon verbessern den Sprachassistenten mit Stetigkeit. Ob Fertigmenüs oder Wahlplattformen – das ist egal.

Die zweite Generation des Audiogeräts Echo ist kompakter als sein Vorläufer. Die  Zylinderform ist geblieben, aber das Gerät soll nun besser klingen. Amazon hat mit Tief- und Hochtönern einen Dolby Sound integriert. In verschiedenen Räumen soll der Heimassistent variabel genutzt werden können. Der Heimassistent kann missverständliche Aussagen über das Display anzeigen; der Besitzer kann so die richtige Wahl treffen bzw. bestätigen. Ansonsten spielt Echo auch Filme ab. Dafür hat Amazon in Deutschland Partner gewinnen können wie das ZDF oder die Tagesschau.

Vielleicht kann ein Selbst-Tracking, das politische Parameter aus Gesagtem und Geschriebenen herausfiltert, auch eine neue Vergleichbarkeit und einen neuen Wettbewerb im politischen System erzeugen und zur Politisierung beitragen.

Die Datifizierung der politischen Willensbildung macht verwundbar und birgt Manipulationsgefahren. Der hackbare Wählerwille hat im Diskurs Simulatorisches, wenn politische Prozesse a priori definiert sind.

Der Transmissionsriemen könnte dafür sorgen, dass die Präferenzen genauer als bei analogen Verfahren in eine Wahlabsicht übersetzt werden. Es wird der Tag kommen, an dem Programmierer eine App entwickeln, die auf Grundlage unserer Suchhistorie eine Wahlempfehlung ausspricht. Dem Untergang des Abendlands steht das digitale Update der Demokratie gegenüber. Die Wähler sollen mit ihrer Wahlentscheidung nach Bundestagswahlen und Entscheidungen über das Abendessen zufriedener sein.